IN DER ARTISTENHALLE MIT
Beo Da Silva
Maria Isabell Da Silva wurde 1970 im brasilianischen Recife geboren und ist eine multidisziplinäre Künstlerin und Pädagogin, die in Berlin lebt. Sie studierte darstellende Künste in Rio de Janeiro und wurde an der Nationalen Zirkusschule Brasiliens zur Artistin ausgebildet, spezialisierte sich auf Luftakrobatik und trat international unter ihrem Künstlernamen "Beo Da Silva" auf – u.a. bei Cirque du Soleil (Solstrom und La Nouba) und im Palazzo in Wien. Seit 2016 unterrichtet sie an der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin. In ihrer Arbeit verbindet Beo Da Silva Theater, Musik, Zirkuskunst und Performance mit kreativer Pädagogik, die Bewegung und Gesten als Erzählmedium erforscht.
LESEDAUER: 7 MINUTEN | 19.11.2025
Hören statt Lesen
Beo Da Silva
Lehrerin im Fachbereich Artistik an der Staatliche Ballett- und Artistikschule Berlin
Foto: Privat
REDAKTION: Wie sind Sie zur Artistik gekommen und wie entwickelte sich Ihr künstlerischer Weg?
DA SILVA: Artistik war für mich nie ein Hobby, sondern immer eine bewusste Berufswahl und Leidenschaft. Ich war schon als Kind sehr neugierig auf viele unterschiedliche Kunstformen: Gesang, Theater, Zirkus – alles hat mich fasziniert. Der Zirkus war seit Beginn mein Zuhause, weil ich hier all diese Ausdrucksformen zusammenbringen konnte. Ich habe an der staatlichen Artistenschule in Rio de Janeiro meine grundständige Ausbildung gemacht, bevor ich mich in Kanada auf Luftakrobatik spezialisierte. Die Kombination aus Technik, Körperarbeit und künstlerischem Ausdruck macht die Artistik für mich so besonders. Es war nicht ein Moment, sondern ein fortwährender Prozess der Selbstentdeckung und Hingabe. Das prägt bis heute meine künstlerische Arbeit und auch meine Arbeit als Lehrerin hier an der SBUAS.
REDAKTION: Gab es besondere Begegnungen oder Herausforderungen während Ihrer Ausbildung, die Sie geprägt haben?
DA SILVA: Definitiv. Die Arbeit mit André Simard in Montreal war ein Wendepunkt. Er war nicht nur Mentor, sondern revolutionierte die Luftakrobatik und Sicherheitskonzepte, die bis heute wegweisend sind. Meine Karriere führte mich außerdem durch vielfältige Kontexte: Ich war Sängerin in einer Rock-Zirkusband in Brasilien, habe Varieté-Nummern entwickelt und arbeitete an internationalen Projekten wie der Show La Nouba vom Cirque du Soleil in Orlando. Jede Station hat mich bereichert, mich künstlerisch und menschlich wachsen lassen.
Eine der größten Herausforderungen war, die Balance zwischen körperlicher Anstrengung und künstlerischem Ausdruck zu finden. Viele junge Künstler konzentrieren sich zunächst nur auf die Technik, aber ich lernte früh, dass die Kunst erst lebendig wird, wenn die Emotion mit einfließt.
André Simard (29.04.1945 – 12.05.2025) gilt weltweit als einer der prägenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Luftakrobatik. Der kanadische Artist, Regisseur und Konstrukteur entwickelte seit den 1980er-Jahren neue Sicherheits- und Aufhängungssysteme, die Luftnummern technisch komplexer, zugleich aber kontrollierbarer und sicherer machten.
Insbesondere seine Arbeit für Produktionen des Cirque du Soleil und andere große Compagnien trug dazu bei, dass Luftakrobatik von einer artistischen Disziplin zu einer eigenständigen, hochentwickelten Bühnenkunstform wurde.
REDAKTION: Welche Requisiten und Techniken haben Sie im Lauf Ihrer Karriere erlernt und genutzt?
DA SILVA: Mein Schwerpunkt ist definitiv die Luftakrobatik, speziell das Tuch, mit dem ich mich auch auf der Bühne als Künstlerin intensiv auseinandersetze. In Brasilien hab ich auch mit dem Schleuderbrett gearbeitet – allerdings auf einem weniger hohen Niveau. Für mich ist es wichtig, dass der Körper die Grundlage bildet: Kraft, Beweglichkeit, Wahrnehmung. Die Artistik-Tricks kommen erst danach. Das versuche ich so auch im Unterricht zu vermitteln: Die Schüler:innen müssen zunächst ihre Körper kennenlernen, bevor sie komplexe Tricks lernen können.
Beo Da Silva beim Unterrichten am Vertikaltuch, Foto: Dirk Thiele
REDAKTION: Wie kombinieren Sie diese Requisiten mit Ihrer künstlerischen Gestaltung auf der Bühne?
DA SILVA: Ich habe in Kanada eine besondere Nummer entwickelt, ‚Singing in Silk‘, die luftakrobatische Bewegungen mit Gesang kombinierte. Das war mein Versuch, Technik und künstlerischen Ausdruck zu verschmelzen. Dabei spielte Dramaturgie eine zentrale Rolle. Jede Nummer erzählte eine Geschichte, hatte eine eigene Atmosphäre und forderte sowohl das Publikum als auch mich künstlerisch heraus.
Bewegung, Musik und Kostüm tragen dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, die das Publikum in den Bann zieht. Dabei experimentiere ich auch heute oft mit Farben, Licht und Rhythmus, um die Requisiten lebendig wirken zu lassen. Jedes Element hat für mich seine Bedeutung und Funktion, die zusammen ein Gesamtbild ergeben.
REDAKTION: Wie verlief Ihre künstlerische Karriere und welche Meilensteine haben Sie erreicht?
DA SILVA: Ein großer Meilenstein war sicherlich die Einladung zum Cirque du Soleil für die Show La Nouba in Orlando. Die monatelange kreative Phase und die Zusammenarbeit mit einem der weltweit führenden Zirkusunternehmen waren eine wunderbare Erfahrung. Später arbeitete ich in Europa, auch mit Pomp Duck and Circumstance und im Wintergarten Varieté in Berlin, und bekam so Zugang zu verschiedenen künstlerischen Ansätzen. Die Einladung zur Biennale in São Paulo war eine weitere aufregende Etappe, weil ich dort seit Jahren wieder auftreten konnte und die internationale Kunstausstellung eine ganz andere Art von künstlerischem Umfeld mit sich brachte.
Beo Da Silva, 2003 im Palazzo Wien (links) und 1998 beim Cirque du Soleil (rechts), Fotos: Privat
REDAKTION: Gab es Wendepunkte oder besondere Herausforderungen in Ihrer Karriere, die Sie überwinden mussten?
DA SILVA: Ja, wie in vielen Künstlerkarrieren gab es auch für mich schwierige Phasen. Die Wechsel zwischen mehreren Kontinenten und kulturellen Kontexten verlangten viel Anpassungsfähigkeit, Geduld und Offenheit. Die Welt des Zirkus hat sich verändert – der Körper verändert sich, die Gesellschaft verändert sich, und wir müssen mit diesen Veränderungen kreativ umgehen. Krisen sehe ich als Chance, mich weiterzuentwickeln. Und auch nicht alle meine Schüler:innen werden zu Bühnenstars. Die Ausbildung soll sie auch auf andere Lebenswege vorbereiten und ihnen helfen, glückliche, kreative Menschen zu werden.
REDAKTION: Welche Rolle nehmen Sie als Lehrerin an der SBUAS.berlin ein und was ist Ihnen besonders wichtig?
DA SILVA: Ich unterrichte seit 2016 an der SBUAS und liebe es, die Schüler:innen über den langen Weg der neun Jahre zu begleiten. Diese lange Ausbildungszeit gibt ihnen wirklich viel Raum, sich zu entdecken und künstlerisch zu wachsen, auch wenn sie am Anfang oft noch nicht genau wissen, ob sie wirklich Artistinnen werden wollen. Mir ist sehr wichtig, dass unsere Schule öffentlich und kostenfrei ist. Kunst und Artistik sollten für alle da sein, unabhängig vom sozialen Hintergrund.
Ich würde mich als neugierig und sehr engagiert beschreiben. Ich arbeite unglaublich gern mit den Schüler:innen und bin eigentlich nicht streng, aber manchmal muss ich es sein – vor allem, wenn es darum geht, dass Artistik eine seriöse Arbeit ist. Es stört mich, wenn Schüler:innen respektlos auf die Bühne treten. Respekt vor der Kunst und vor dem Publikum ist fundamental.
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REDAKTION: Wie gestalten Sie Ihren Unterricht, um die Inspiration und Motivation der Schüler zu fördern?
DA SILVA: Ich unterrichte Schüler:innen verschiedener Altersklassen, von ganz jungen bis zu älteren Jahrgängen, und das ist sehr spannend. Mein Fokus liegt auf Bühnenpräsenz und auf der Dramaturgie einer Nummer – also wie man eine Geschichte erzählt. Ich möchte, dass die Schülerinnen die Komfortzone verlassen, sich ausprobieren und auch mal verrückte, kreative Impulse mit einbringen. Dabei bringen sie selbst viel Neues mit, beispielsweise in Musik oder Bewegungsstil, was ich sehr schätze. Zusammen arbeiten wir daran, innovativ und offen zu bleiben.
Beo Da Silva im Gespräch mit Artistik-Schülerinnen des 5. Ausbildungsjahres, Foto: Dirk Thiele
REDAKTION: Welche persönlichen Ziele und Wünsche haben Sie für Ihre Zukunft?
DA SILVA: Derzeit mache ich einen Master an der Kunsthochschule Weißensee bei dem ich versuche, bildende Kunst und Zirkus künstlerisch zu verbinden. Für unseren Fachbereich Artistik wünsche ich mir eine modernere Probenbühne mit professionellem Licht, die kreative Arbeit besser unterstützt – nicht nur eine Sporthalle. Außerdem sehe ich großes Potenzial in Kooperationen mit anderen Kulturinstitutionen in Berlin. Interdisziplinarität und neue künstlerische Netzwerke möchte ich weiter fördern.
REDAKTION: Wie sehen Sie die Rolle der Artistik in der Gesellschaft?
DA SILVA: Gerade heute, wo Digitalisierung und künstliche Intelligenz immer dominanter werden, ist der lebendige, körperliche Ausdruck im Zirkus wichtiger denn je. Artistik verbindet Menschen unabhängig von Sprache und Herkunft. Sie schafft Räume für Kreativität, Begegnung und soziale Integration. Mit meiner Arbeit möchte ich diese lebendige Kunstform stärken, ihre Vielfalt zeigen und unsere Schüler:innen ermutigen, gesellschaftlich Wirkung zu entfalten.
VON DIRK THIELE