„Ich habe auf keinen Fall vermutet, dass hier eine solche Menge von Ehemaligen ist. Aber manchmal ist es schon schwierig, dass ich sie wiedererkenne. Es ist ja doch ein ganz schönes Stück Zeit vergangen, seit ich diese Menschen unterrichtet habe (lacht).“
Die Staatliche feiert
„Der Tag der Ehemaligen“ - Treffen der Generationen - 2026
LESEDAUER: 3 MINUTEN | 11.03.2026
Ehemalige Schülerinnen der Staatlichen Ballett- und Artistikschule beim Tag der Ehemaligen, Foto: Sabine Streckhardt
Ursula Kirsten-Collein, eine Ikone der klassischen Tanzausbildung und Autorin, spricht trotz ihres mehr als neunzig Jahre Lebensalter mit fester Stimme und richtet ihren wachen Blick auf die vielen Menschen im trubelig, lauten Foyer der Staatlichen Ballett- und Artistenschule.
Mehr als vierhundert Ehemalige sind am 28.02.2026 hier erschienen und es ist rappelvoll. Schulleiter Ulrich Giessel muss sogar auf seine Lehrer-Skills zurückgreifen, um die lachende und schnatternde Ehemaligen-Meute zur Ruhe zu bekommen. Er wird in seiner Begrüßungsrede deshalb immer leiser, bis auch im Foyer langsam Ruhe einkehrt. Gelernt ist eben gelernt.
Schulleiter Ulrich Giessel begrüßt die ehemaligen Schülerinnen und Schüler, Foto: Sabine Streckhardt
Kurz gefasst begrüßt er nun die Ehemaligen, allesamt Absolventen aller Tanz- und Artistik-Generationen der letzten mehr als 70 Jahre - wie immer in seiner bekannt knappen, herzlichen Art. Keine Zeit für große Reden. Es gibt heute viel zu sehen, zu erleben und vermutlich unter den Ehemaligen so einiges an Erinnerungen auszutauschen. Für diesen Dialog ist der heutige Tag, bei schönstem Frühlingswetter wie geschaffen.
„Diese schöne Schule und diese Begegnungen heute sind für mich sehr aufregend. Es ist so eine Herzlichkeit, mit der man hier auf mich zukommt, das ist schon sehr herzerwärmend. Und ich staune, wie viele Menschen der Schule verbunden geblieben sind, trotz des politischen Auf- und Ab.“
Ursula Kirsten-Collein, Foto: Sabine Streckhardt
„Es macht mich sehr, sehr froh, gerade weil ich nicht mehr allzu lange auf diesem Parkett hier sein werde, denn ich bin ja nun doch schon ein bisschen älter geworden (lacht). Ich bin sehr glücklich darüber, wie sich das alles entwickelt hat, sodass man nicht das Gefühl haben muss, umsonst gelebt zu haben. Sehr schön - alles. So, das wär’s, mehr kann ich dazu nicht sagen.“
Das stimmt nicht ganz, denn schon im März wird sie in der Schule Vorträge zur Geschichte der Tanzausbildung halten. Das Gespräch ist dennoch beendet, denn es warten schon eine Reihe von Besuchern:innen, um noch schnell mit ihrer ehemaligen Ausbilderin einige persönliche Worte zu wechseln, bevor sie die Foto-Video-Installation von Laura Soria oder eine der drei Vorstellungen der unterschiedlichen Tanz- und Artistik-Klassen im großen Saal besuchen. Dort erleben sie live und hautnah, welchen künstlerischen Stand ihre aktuelle Nachfolgegeneration vorweist.
Entspannte Atmosphäre beim Wiedersehen in der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin, Foto: Sabine Streckhardt
Im Durcheinander der vielen Ehemaligen bewegen sich auf hallenden Absätzen, zwei visuell und akustisch herausstechende Personen. Sie gleichen sich in Kostüm, Frisur und dem lauten Lachen wie ein Ei dem anderen. Das Dresdner Equilibristik-, Gesangs- und Saxophon-Duo „Die Zwillingsherzen“ ist wirklich nicht zu übersehen. Die Geschwister Claudia Hilken und Carmen Schlese haben 1992 die Artistik-Schule abgeschlossen und sind bis heute in der deutschen TV- und Show-Welt bekannt. Man kommt im Prinzip gar nicht dazu, Fragen zu stellen. Muss man auch nicht, denn man wird gleich beiseite gezogen und mit reichlich Informationen versorgt.
Geschwister Claudia Hilken und Carmen Schlese, Foto: Sabine Streckhardt
„Wir sind so baff! Wie toll ist das hier alles, oder!? Da wünschen wir uns doch gleich, nochmal eine Ausbildung zu machen. Vor zwei Jahren oder so hat uns privat schon einmal eine Mitarbeiterin der Schule nach einer Show in Sachsen-Anhalt angesprochen und uns dabei eingeladen, die Schule mal zu besuchen. Da gab es den ersten Kontakt und dann kam später René Wiese auf uns zu.“
Die beiden winken quer durch den Saal René, dem Leiter des Jubiläumsjahres zu.
„Ab dem Moment wurde das dann alles konkreter und wir haben uns dann hier schon einmal getroffen und einen großen Rundgang gemacht. Irre, die große Halle oder auch hier für die Tanzausbildung, diese Studios und Säle. Bei solchen Voraussetzungen sind Höchstleistungen in der Ausbildung viel besser möglich als noch zu unserer Zeit. Aber bei allem ist es noch das gleiche Gefühl, die Atmosphäre, die Spannung und Konzentration. Ja, sogar der Geruch nach Matten, Leder, Holz und Talkum. Super. Und wir planen auch wieder zu kommen. Uns interessiert, wie sich die Schülerinnen und Schüler heute die Zukunft vorstellen und wir können berichten, wie es ist, auch noch mit 50 Jahren Spaß am Showbusiness zu haben. Tschüß, wir müssen los.“
Dann wirbeln die beiden schon weiter, um eine der Vorführungen im großen Saal nicht zu verpassen. Diese zeigen beispielhaft die herausragenden Gruppen- und Einzelleistungen der Tanz- und Artistik-Klassen auf beeindruckende Weise. Dreimal an diesem Tag eine exzellente Leistung auf den Punkt abzuliefern, zeigt die Güte der Ausbildung. Das Publikum aus jeweils 140 Ehemaligen liefert tosenden Beifall, aufmunternde Pfiffe und Jubel.
Schülerinnen des Fachbereichs Artistik, Foto: Sabine Streckhardt
Während im großen Saal die Vorstellungen laufen, begrüßen René Wiese und die Künstlerin Laura Soria die andere Gruppe von Ehemaligen in der Foto- und Videoinstallation „Passage“ zum Tag der Ehemaligen. Auf zwölf fast lebensgroßen Schwarzweißfotos erwachen Ehemalige aller Generationen auf Knopfdruck zum Leben.
„Im Zentrum, als pulsierendes Herz des Werkes, schlägt die unverfälschte Stimme der Protagonist:innen. Zwölf Leben bilden einen emotionalen Atlas der Institution. Sie erzählen von dem, was sie in jeder Probe und jedem Auftritt gaben, von den Spuren, die sie in den Sälen und Übungshallen hinterließen, und von dem, was sie für immer in ihre Muskeln eingraviert mitnahmen: wie einen Lebenssaft, der niemals aufhört zu zirkulieren.“
René Wiese und Laura Soria bei der Eröffnung der Ausstellung "Passage", Foto: Sabine Streckhardt
Im gewundenen Gang vom Foyer der Schule zum Internatsbereich begegnet man so zwölf künstlerischen Lebenswegen aus Tanz und Artistik, beginnend bei Koryphäen wie Ursula Kirsten-Collein oder Gernod Eisfeld bis hin zu neuen Absolventen wie Carla Seitz in der Akrobatik oder Lorenzo Vian im Tanz.
Für René Wiese ist der Tag der Ehemaligen ein wichtiger Auftakt im Jubiläumsjahr und für die Zukunft darüber hinaus.
„Ich glaube, die Idee ist jetzt mehr als ein Jahr alt. 2012 hatte die Schule zwar etwas Ähnliches auch schon mal gemacht, das ist lange her. Ich finde es in so einem Jubiläumsjahr wichtig, auf die Ehemaligen zuzugehen, die eine Brücke zwischen den Generationen schlagen können. Die sehr unterschiedlichen Lebensläufe sind ja auch Vorbilder für die Generation, die gerade jetzt hier an der Schule ist. Das war natürlich jetzt ein riesiger Akt, das Ganze zu machen, und wir haben uns trotzdem gesagt: Nur ein künstlerisches Programm wäre einfach zu wenig, und da hatten wir dann die Idee zu der Installation „Passage“. Und die haben wir mit der Hilfe unserer Technik-Leute - wie immer ganz toll, muss ich sagen - in einem Studio in der Bibliothek umgesetzt. Ich finde, es ist wirklich schön geworden.“
René Wiese schaut auf die Uhr. Der Wechsel für die nächste Vorstellung steht an und eine neue Gruppe Ehemaliger wartet in der Ausstellung schon auf ihn.
Besucherinnen und Besucher betrachten die Videoinstallation der Ausstellung "Passage", Foto: Sabine Streckhardt
„Ganz kurz noch, ich hoffe, dass der Tag heute dazu dient, dass viele Ideen geboren werden. Also, wir versuchen so viel wie möglich Ehemalige mit ihrer Expertise reinzuholen, sei es mit Vorträgen oder Workshops und ich bin ganz gespannt, was da noch alles für Mails kommen werden, die genau solche Angebote machen.“
René Wiese zeigt ins Foyer, wo schon wieder ein dichtes Gedränge herrscht.
„Die Menschen dort, die alle auf den Bühnen der Welt gestanden haben und in ganz Deutschland bekannt sind - dieses Potenzial nicht zu nutzen, wäre eigentlich fahrlässig für unsere Schule, oder (lacht)!?“
Historische Fotografien aus der Archiv der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin und aus privaten Beständen, Foto: Sabine Streckhardt
Aber warum ist es eigentlich vorher nicht schon gehoben worden?
„Ich glaube, man ist hier manchmal mit dem, was man tut, zu sehr im Hier und Jetzt. Ich bin Historiker - vielleicht hat es damit zu tun. Wenn man etwas nicht bewusst bewahrt, verliert man es. Und das hier sollte man nicht verlieren.“
Mehr Informationen zur Ausstellung
Die kompletten Videos der Installation werden demnächst auch Online gestellt und wir informieren darüber in einem der nächsten Newsletter. Besucher der Installation sind vom 09. bis 13.3.2026 ab 16:00 herzlich im Foyer der Schule willkommen.
VON LUTZ NEUMANN
Newsletter abonnieren
Bleiben Sie auf dem Laufenden. Melden Sie sich hier für unseren Jubiläums-Newsletter an.
Unterstützende und Kooperationspartner:innen