„Was jetzt gerade bei TikTok IN ist, braucht ihr nicht zu kopieren. Werdet selbst kreativ, seid vielseitig, zeigt ein leuchtendes Spektrum eures Könnens, dann wird auch jedes Haus, jede Bühne an euch Interesse zeigen.“
Dreiklang der Vielfalt: Circus, Varieté und Revue
24. Apr 2026Bühnen gibt es in Berlin viele, manche sind kreisförmig unter einem hohen Zelt, einige ziehen einen gewaltigen Bogen vor Dutzenden Zuschauerrängen, andere sind ein großer Guckkasten in die bunte Welt des Varietés. Und so vielfältig waren auch die geladenen Gäste am „Tag der Direktor:innen“ am Freitag vor dem „Tag der offenen Tür“ der Staatlichen Ballett- und Artistenschule Ende April 2026.
LESEDAUER: 2 MINUTEN | 29.05.2026
Markian Strotsiak, Georg Strecker, Rodrique Funke und Misha (v.l.n.r.), Foto: Lutz Neumann
Für die Schülerinnen und Schüler bestand die Möglichkeit, in diesem Face-to-Face Treffen mit ihrer späteren Arbeitswelt, einerseits viel über schon bestehende Kooperationen zu erfahren, wie aber auch ganz direkt, mit Vertreter:innen verschiedener Arbeitgeber ins Gespräch zu kommen.
Dieser gut gemeinte Rat ist nur einer der vielen, die unter anderem Georg Strecker, ehemaliger Intendant des weltberühmten Wintergarten-Varietés, den versammelten Schülerinnen und Schülern der oberen Klassen mit auf den Weg gibt. Rodrique Funke, der aktuelle Intendant des Wintergarten und selbst ehemaliger Absolvent der SBUAS, gewährt darauf einige Einblicke in das Castingverfahren seines Hauses und bedauert, dass es dann doch oft zu viel des Gleichen ist. Er betont, dass die Sozialen Medien wichtig für die Schaffung einer Community sind, aber nicht unbedingt das probate Mittel, um sich zu bewerben, im besten Fall nur ein Teil davon. Intendant:innen wollen ganze Nummern ungeschnitten sehen, um die Fähigkeiten der BewerberInnen richtig und die Personality besser einschätzen zu können.
„Wenn ihr mit einem Act oder Trick einer unter zehn Artist:innen der Welt seid, dann baut darauf gern weiter auf und dann wird man euch vermutlich auch mit Kusshand buchen. Sicherer jedoch als das, ist künstlerische Vielfalt und abrufbare Kontinuität im Show-Alltag, Flexibilität und der Wille auch ganz klein anzufangen und sich den weniger spektakulären Seiten des Geschäfts zu öffnen.“
So Rodrique Funke weiter. Das bestätigen sogleich Misha, Absolvent des SBUAS 2025, der zusammen mit seinem ukrainischen Kollegen Markian Strotsiak (ebenfalls Absolvent des SBUAS) gerade im aktuellen Programm des „Wintergarten“ in der wunderbaren Show „AHOI“ mitwirken. Sie zeigen dort neben ihren Acts ebenso tänzerische und schauspielerische Fähigkeiten. Beide Künstler beantworten gern die Fragen der anwesenden SchülerInnen, plaudern über ihren Werdegang und ihre ersten Erfahrungen im harten Business der Berliner Showwelt.
Publikum im Theatersaal, Foto: Lutz Neumann
Den Abschluss des ersten Teils der Veranstaltung macht Rodrique Funke:
„Trotz aller Unwägbarkeiten habt ihr alle auch, wie ihr hier vor mir sitzt, den schönsten Beruf der Welt ausgesucht und jeder, jede von euch wird einen ganz eigenen Weg gehen und die Menschen, die euch zuschauen, begeistern - das ist ganz sicher.“
Der nächste Gast mit dem Lächeln eines liebenswerten Komödianten, nimmt ganz ohne Laptop und Präsentation vor den Schülerinnen und Schülern Platz. Gerhard Richter ist der SBUAS schon lange, initiiert durch Ronald Wendorf, verbunden.
Das Familienunternehmen „Circus Mondeo“ ist aus der Zirkuswelt nicht wegzudenken und trotzt den kulturellen Umwälzungen noch immer an seinen beiden Standorten in Zehlendorf und Gera. Nicht nur für begeisterte große und kleine Zirkusfans - auch für die Absolventen der SBUAS ist die Familie Richter da.
Gerhard Richter ist quasi der Patron dieses Unternehmens und bietet neben der Möglichkeit, dass Schüler:innen der höheren Klassen der SBUAS das Zirkusleben einmal hautnah erleben dürfen, immer auch ganz praktische Hilfe für die Schule. Seit fünf Jahren kann so die Schule stolz auf ihr einzigartiges, weißes Zirkuszelt im Hof verweisen. Das Zelt ist eine tolle zusätzliche Bühne für den „Tag der offenen Tür“ und darüber hinaus für die Abschlussveranstaltungen der 13. Klasse und andere Veranstaltungen im Jubiläumsjahr der Schule.
Uwe Podwojski im Gespräch mit Gerhard Richter (r.), Foto: Lutz Neumann
Gerhard Richter beantwortet gern die Fragen der Schüler:innen, von denen einige schon in seinem Zirkus mitarbeiten konnten und über ihre persönlichen Erlebnisse sprechen. Dort kristallisiert sich stark heraus, dass ein Zirkusleben abseits der Artistik einige Herausforderungen mehr stellt, als es Training und Auftritte ohnehin schon sind. Das Reisen, das gemeinsame Aufbauen des Zeltes, Popcorn-Verkauf, den Sitzplatzanweiser spielen, bei jeder anderen Nummern im Programm allen anderen zur Seite stehen und mitmachen, wo es nur geht.
„Beim Zirkus, oder im Beruf des Artisten, geht es um den Mut nicht nur großartige Nummern darzubieten, sondern auch um den engen Kontakt zu den Menschen, die in den Zirkus gehen und diese Welt lieben. Es ist wichtig als Künstler:in hautnah mittendrin dabei zu sein und sich nicht zu scheuen - … das hilft auch, auf jeder anderen Bühne besser zu bestehen. Und mit wenig, viel zu können ist auch gut. Ein Clown braucht nur eine rote Gummi-Nase und eine Tasche voll mit Bällen zum Jonglieren. Wenn er oder sie gut ist - reicht das, um das ganze Zelt hellauf zu begeistern!“
Als drittes Team stellen sich Sebastian Hüchtebrock vom Artistic Management und die Ballettmeisterin und ehemalige Tanz-Solistin Anudari Nyamsuren den Schülerinnen und Schülern vor. Diesmal ist der Schwerpunkt Bühnentanz, denn beide Vortragende sind vom großartigen „Friedrichstadtpalast“, der größten Showbühne Europas mit der längsten Kick-Line aus bis zu 32 Tänzerinnen und Tänzern.
Sebastian Hüchtebrock (l.) und Anudari Nyamsuren, Foto: Lutz Neumann
Beide Gäste haben eine umfangreiche Präsentation vorbereitet, die schon ziemlich ins Detail geht. Anhand ihres eigenen Werdegangs zeichnet Anudari Nyamsuren eine Karriere nach, die diese junge Frau (übrigens auch Absolventin der SBUAS) auf unzählige Bühnen, aber auch unzählige Hörsäle geführt hat. Sie gibt damit den Schülern und Schülerinnen zu verstehen, dass der Tanz als Beruf über das Schwitzen im Scheinwerferlicht hinausgeht und die kreativen wie auch administrativen Berufsmöglichkeiten weitaus größer sind, als auf den ersten Blick vermutet. Dann wird es aber doch noch sehr konkret, als die Gardemaße für das Ensemble des „Friedrichstadtpalast“ auf einer Folie der Präsentation erscheinen.
„Ihr braucht nicht zu erschrecken. Das alles sind Orientierungsgrößen, nicht jede junge Frau ist Einsvierundsiebzig groß, nicht jeder Tänzer Einsvierundachtzig - auch hier zählen Ausstrahlung und Können mehr als reine Maße. Also keine Angst. …Und ebenso wenig Angst solltet ihr vor der Show und den vielfältigen Tanzarten haben - eure klassische Ausbildung ist die perfekte Basis für alles - und ich hörte, es gibt ja auch HipHop-Kurse.“
Die Schüler:innen und Schüler lachen und hören dann weiter gespannt zu, als Sebastian Hüchtebrock ausführt unter welchen Leistungsdruck eine Show-Ballet steht. Sechs Tage Aufführungen, davor Training und Proben für eine Show, die dann erst in einem halben Jahr oder sogar erst im Folgejahr starten wird.
Ein Knochenjob mit Anspruch aber auch Benefits. Die sind schlicht und profan: eine sehr gute, pünktlich gezahlte Gage, kostenlose Physiotherapie und gutes Essen in der Kantine.
„Aber vergesst nicht, bei allem ist es eine gewaltige Bühne, das große Rampenlicht und intensives Teamwork, das die Menschen im Zuschauerraum begeistert und jeden Abend den Saal bis zum Bersten füllt. Es ist euer Können und eure Persönlichkeit, die eine perfekte Show ausmachen!“
VON LUTZ NEUMANN