In Bewegung bleiben

Wie prägte das Leben im geteilten Deutschland und unter den Bedingungen der SED-Diktatur die Biografien junger Künstler:innen? Im Rahmen des 2. Tages der politischen Bildung lädt der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften-Künste zu einer besonderen Filmvorführung mit anschließendem Zeitzeugengespräch ein. Wir präsentieren den Dokumentarfilm „In Bewegung bleiben“ (Berlinale 2021) des Regisseurs Salar Ghazi.

Mario Perricone beim Fotoshooting

Der Film führt uns zurück in das Jahr 1988: Im Januar feiert Birgit Scherzers „Keith“ einen überragenden Erfolg an der Komischen Oper in Ost-Berlin. Für die junge Choreografin ist das Tanzstück der Durchbruch. Sieben Tänzer:innen treten in „Keith“ auf. Ein knappes Jahr später werden fünf von ihnen die DDR verlassen haben; einige flüchten während der Gastspiele beim „Klassenfeind“. „In Bewegung bleiben“ dokumentiert ihre Träume, die Konfrontation mit dem System und ihre individuelle Suche nach Freiheit.

Birgit Scherzer im Interview

Im Anschluss an die Vorführung findet eine Podiumsdiskussion statt. Wir freuen uns sehr auf unsere Gäste:

  • Salar Ghazi (Regisseur)
  • Sven Grützmacher (Protagonist des Films und ehemaliger Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin

Gemeinsam wollen wir über die filmische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit und das Spannungsfeld zwischen Kunst und politischer Ideologie sprechen.

Steffi Scherzer beim Unterricht

Film & Gespräch: „In Bewegung bleiben“ – 2. Tag der politischen Bildung (Kopie)

Die Tänze:innen sind in staatlichen Ballettschulen in Dresden, Leipzig oder Ost-Berlin vom Staat zu Leistungsträgern ausgebildet worden. Als künstlerische Elite, deren Licht weit strahlt und die ein Aushängeschild für die DDR ist, dürfen sie in den Westen reisen. Ihre Familien in der DDR sind das Faustpfand. Die kreative Atmosphäre an der Komischen Oper bildet zunächst einen Schutzschirm vor ideologischer Bevormundung, doch Ende der 1980er Jahre wird der Druck größer. In den Monaten vor dem Mauerfall – einem Ereignis, das niemand vorausgesehen hat – stehen viele Ensemblemitglieder vor der Lebensentscheidung, zu bleiben oder zu gehen.

Der Autor des Films war damals mit einigen Tänzer:innen befreundet. Er sucht die Beteiligten auf, um die Ereignisse Revue passieren zu lassen und zu reflektieren. Erinnerungen und privates VHS-Material erzeugen ein komplexes Bild, welches das Lebensgefühl der Wendejahre lebendig werden lässt.

Salar Ghazi

Salar Ghazi wird 1964 in Hamburg geboren. Nach dem Abitur erlernt er autodidaktisch den Beruf des Editors, in dem er seit knapp dreißig Jahren arbeitet. Für seinen ersten Dokumentarfilm “In Bewegung bleiben” übernimmt er Produktion, Regie, Kamera, Montage, und Tonmischung. Obwohl außerhalb des Filmfördersystems und ohne Beteiligung eines Fernsehsenders produziert, wird „in Bewegung bleiben“ 2021 zu den 71. Internationalen Filmfestspielen Berlin, der Berlinale eingeladen, was in der Geschichte des Festivals einmalig ist.

Filmplakat "In Bewegung Bleiben - Keep Moving", 71. Internationale Filmfestspiele Berlin

Sven Grützmacher

Sven Grützmacher kommt am 26. Mai 1966 in Berlin zur Welt. Seine schulische Laufbahn beginnt fern der Heimat; von 1972 bis 1976 besucht er die Grundschule im jugoslawischen Belgrad. Nach seiner Rückkehr nach Berlin widmet er sich von 1976 bis 1984 seiner Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule.

Seine tänzerische Karriere führt ihn 1984 direkt an die Komische Oper Berlin, wo er vier Jahre lang als Solist glänzt. Im Jahr 1988 nutzt er ein Auslandsgastspiel zur Flucht in die Bundesrepublik. Dort setzt er seine Laufbahn am Saarländischen Staatstheater fort und steigt zum ersten Solisten auf. Während dieser Zeit übernimmt er 1992 zudem einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Theater in Saarbrücken und fungiert von 1994 bis 1998 als stellvertretender Ballettdirektor.

Um die Jahrtausendwende schlägt Grützmacher einen Kurswechsel ein: Von 1998 bis 2001 leitet er administrativ die NGO „SEET“ im bürgerkriegsgebeutelten Freetown in Sierra Leone. Parallel dazu schließt er 2001 eine Ausbildung zum psychologischen Berater ab. Zurück in Europa arbeitet er zunächst freiberuflich als Autor und Aufnahmeleiter, bevor er 2005 einen Lehrauftrag an der Palucca Schule in Dresden erhält. Im selben Jahr übernimmt er die Direktion des Tanztheaters Trier und prägt das dortige Stadttheater bis 2015 als Leitungsmitglied und Regisseur.

Ab 2016 verlagert er seinen Schwerpunkt in den Gesundheits- und Gastronomiesektor. Er erwirbt Qualifikationen als medizinischer Fitnesstrainer sowie als Shiatsu-Therapeut und führt bis 2021 sein eigenes Fitnessstudio in Gartow. Zuletzt stellt er seine Management-Expertise von 2021 bis 2023 als Geschäftsführer und Gesellschafter des Hotel-Restaurants „Lindenhof und Lindenkrug“ unter Beweis.

Team der Veranstaltung

  • Referenten: Salar Ghazi, Sven Grützmacher
  • Organisation/Koordination: René Wiese
  • Technische Umsetzung: Andreas Köppen, Tobias Busch
  • Weitere Unterstützende: Liliane Vanden Broucke, Kathrin Baum-Höfer, Dirk Thiele, Oliver Hanff, Ronald Wendorf

Danksagung

Wir danken dem Filmemacher Salar Ghazi sowie unserem ehemaligen Schüler Sven Grützmacher für die Bereitschaft, im Rahmen der Podiumsveranstaltung gemeinsam mit uns auf das Werk „In Bewegung bleiben“ zu blicken und unseren Schülerinnen und Schülern so ein wichtiges Stück deutscher Teilungsgeschichte anhand persönlicher Biografien unmittelbar erlebbar zu machen.

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